Antifaschistische Hochschultage 2010 der AG Antifa im Stura der MLU Halle und Jugendantifa Halle -Seminarreihe „Kritik und Krise“

Kritik und Krise: Der kategorischer Imperativ
Ein Imperativ ist eine Handlungsanweisung. Und kategorisch heißt unbedingt. Der kategorische Imperativ meint also eine unbedingt, ohne jeden weiteren Grund gültige Handlungsanweisung. Die Veranstaltung diskutiert vor diesem Hintergrund Aspekte kritischer Theorie im 19., 20. und 21. Jahrhundert. Als kategorischen Imperativ formulierte Marx im 19. Jahrhundert die Befreiung aller Menschen von jedweden Zuständen, in denen sie in irgendeiner Form unterdrückt und beherrscht werden. Nach der Katastrophe des Nationalsozialismus formulierte Adorno einen neuen kategorischen Imperativ, den er explizit als Erweiterung der marxschen Forderung nach Abschaffung von Ausbeutung und Herrschaft an die Seite stellte. Im Mittelpunkt steht jeweils die Verwirklichung von Glück und völliger Freiheit des einzelnen Individuums.

Donnerstag 22.4. 2010 (19 Uhr) – Uni: Melanchthonianum – Universitätsplatz 8/9 Halle
I: Die marxsche Gesellschaftskritik: “…alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist … (Marx) – (mit Martin Dornis)

Die kapitalistische Gesellschaft befreite die Menschen aus vormodernen direkten Herrschaftsverhältnissen und propagierte Freiheit und Glück für jeden einzelnen Menschen. Anstellte direkter Knechtungen und Unterwerfungen setzte sie die Herrschaft abstrakter vermittelter Prinzipien: den Wert und den allgemeinen Willen. So ist unterm Schein der Freiheit des Einzelnen die kapitalistische Gesellschaft die Fortsetzung von Ausbeutung und Herrschaft mit anderen Mitteln: Herrschaft und Ausbeutung werden zum Sachzwang und selbst geschaffenen gesellschaftlichen Naturgesetz. Die Marxsche Kritik zielt auf die Brechung jenes selbst geschaffenen Sachzwangs, auf die volle Verwirklichung individueller Freiheit und des Glücks für jeden einzelnen Menschen. Zielt auf kategorische Ablehnung jeder art von Ausbeutung des Menschen durch den Menschen (Wert) und Herrschaft des Menschen über Menschen (Staat).

Mittwoch 28.4.2010 (19Uhr) – Uni: Melanchthonianum – Universitätsplatz 8/9 Halle
II: Gesellschaftskritik nach Auschwitz: „…daß… nichts ähnliches geschehe“ (Adorno) – (mit Martin Dornis)
Im 19. und 20. Jahrhundert zwangen die Entwicklungen der kapitalistischen Gesellschaft zu einer Neuformulierung der kritischen Theorie. Im deutschen Nationalsozialismus zeigte sich, dass die kapitalistische Gesellschaft an ihren Krisen nicht zwangsläufig scheitern muss, wie es Marx vermutet und gehofft hatte. Vielmehr hielt sie sich durch antisemitischen Massenwahn und unter Regie eines autoritären Staates gewaltförmig zusammen. Die Ideologie, insbesondere der Antisemitismus, wurde selbst zum Grund, aus dem die Gesellschaft noch existierte: Das nazifaschistische Deutschland muss als ein „Produktionsverhältnis des Todes“ (isf) beschrieben werden. Im Moment des krisenhaften Zerbrechens der kapitalistischen Gesellschaft wurde in Deutschland der gesellschaftliche Zusammenhalt durch Massenmord gestiftet. Dies erzwang eine Gesellschaftskritik mit veränderter Perspektive: Die Gesellschaft sei so einzurichten, dass sich derartiges nicht wiederholt.

Donnerstag 6.5.2010 (19Uhr) – Uni: Melanchthonianum – Universitätsplatz 8/9 Halle
III: Solidarität mit Israel (mit Martin Dornis) – Co-Verantaltung der Vortragsreihe „Wir feiern 65 Jahre 8.Mai – Zerschlagung des Nationalsozialismus“
Eine solidarische Haltung zum Staat Israel muss der Drehpunkt gesellschaftskritischen Agierens heute sein. Die ausdrückliche Solidarität mit einem Staat? Wo man als Linker doch den Staat ablehnt? Und zwar kategorisch. Einverstanden sein mit einer Nation, wo man doch als kritischer Geist gegen jede Nation ist, noch dazu mit einer kapitalistischen, wo man doch auch die kapitalistische Gesellschaft ablehnt? Und das auch noch mit einem Staat mit religiöser Begründung, wo man doch die Religion ablehnt… Das alles erscheint vielen radikalen Linken als ein Paradox. Der Vortrag hält fest an der prinzipiellen Kritik an Staat, Nation, kapitalistischer Gesellschaft und Religion. Aber gerade einer prinzipiellen Kritik sind nicht alle Katzen grau. Im Vortrag soll diskutiert werden, dass sich genau aus der Forderung nach der Abschaffung von Staat und Nation eine positive Haltung zum Staat Israel und der israelischen Nation ergeben. Solidarische Haltung zu Israel ist kein Rückfall in der allgemeinen Kritik an Staat, Nation und Kapital. Vielmehr verhält es sich genau anders herum. Eine Kritik an Staat, Nation und Kapital, die sich nicht zu einer solidarische Haltung zu Israel durchringen kann, erweist sich selbst als nicht radikal genug.

Martin Dornis: Studiert(e) unter anderem Wirtschaftswissenschaften und Philosophie. Beschäftigt sich mit Wert- und Krisentheorie, kritischer Theorie und Psychoanalyse, Kritik des Antisemitismus und Rassismus, dem Mensch-Natur-Verhältnis in der bürgerlichen Gesellschaft sowie möglichen Perspektiven sozialer Emanzipation. Er publizierte Aufsätze zu den genannten Themen.

08. Mai 2010 / Kundgebung und Party in Halle / Tag der Befreiung

Informationen: „08. Mai 2010 in Halle“