AUSCHWITZ IST ÜBERALL?…ÜBER DIE REGRESSIVEN TENDENZEN DES FILMS „EARTHLINGS“ UND SEINER ENTHALTSAMEN BEWUNDERER

1000mal schon kritisiert scheint doch der sogenannte „KZ- Vergleich“ mancher Tierrechtler liebstes Steckenpferd zu sein. „Earthlings“ ist nicht das Erste und bei weitem nicht das einzige Material, das gebraucht wird, um für eine tierliebere, bessere Welt zu werben, das sich einer Holocaustrelativierung als stilistischem Element bedient. Immer wieder scheint es den Initiatoren von Kampagnen angemessen zu sein, die Verbrechen, die von Deutschen und ihren Helfern an Jüdinnen und Juden begangen wurden, mit der Aufzucht und Schlachtung von Tieren gleichzusetzen.

Das Tier wie du und ich – Ein Nazi wie du und ich?
Die Gleichsetzung, die der Film „Earthlings“ und andere Kampagnen der Tierrechtsbewegung nutzen, um die Zustände in den Schlachthöfen dieser Welt noch dramatischer erscheinen zu lassen, ist eine Beleidigung und Verhöhnung der Opfer von deutschen Vernichtungslagern. In einem Bild die Grauen des Konzentrationslagers Auschwitz. Ein paar Sequenzen weiter, aus der gleichen Perspektive aufgenommen, eine Rinderzucht.
In nur einer Sekunde wird Auschwitz seines politischen Hintergrunds beraubt und steht mit einem Mal in einer langen Reihe von vielen „Greueltaten“. Die Tatsache, dass der Holocaust gegenüber den täglichen Schlachtungen und den stetig betriebenen Legebatterien an Bedeutung verliert, ist gewollt und ebnet so den Weg zur eingängigen Gleichung der Macher solcher Kampagnen.
Das Tier durchlebt die selben Schrecken wie die Opfer des NS und der Aufschrei der Tierfreunde bleibt aus, obwohl an Hand von Bildern, die vermeintlich Ähnliches zu zeigen scheinen, der Beweis für eine eindeutige Parallele angeführt wird. Ohne weitere Erläuterung sieht man andere Verbrechen, die sich ebenso nahtlos in die Holocaust Liste einfügen, von Frauen und Kindern, die ebenfalls mit denen an Tieren gleichauf stehen sollen. Wehrlose Opfer sollen dies versinnbildlichen, die der Willkür von Stärkeren schutzlos ausgeliefert sind.
So wird der Schlachthof, von dieser Seite betrachtet, zur Stätte unsinniger und grundloser Tötungen von Tieren und gleichzeitig auch in ein für Tierrechtler genehmes Licht gerückt.
Für die Betrachter der Bilder wird alles, was sich verwursten lässt durch den Wolf gedreht und ihnen als verklebender Brei ins Gewissen geschüttet.
Allein die Tatsache, dass Schlachthöfe als Teil des kapitalistischen Systems fungieren und den Markt mit zu Waren verarbeiteten Nutztieren speisen, Auschwitz dagegen ein Vernichtungslager war, das den ausgemachten Feind, die Juden, auslöschen sollte, fehlt.

Juden gegen Metzger – wir brauchen jüdische Kronzeugen
Wie Isaac Bashevis sind auch Tony Judt, Noam Chomsky, Uri Avnery oder Norman G. Finkelstein nicht irgendwelche Personen, die Israel kritisieren, sie sind selbst Juden und diese können wohl – der gängigen Meinung nach – schlecht Antisemiten sein oder Antisemiten zuspielen, obwohl sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit das Gegenteil unter Beweis stellen. Gerade deshalb werden ihre „kritischen Äußerungen“ mit Vorliebe –bis hinein in die nationalsozialistische NPD, welche schon mal gerne Avnery zitierte- verwendet, wenn es um Israel geht. Als jüdisches Alibi dienen deshalb die getätigten Aussprüche von Bashevis, der selbst als polnischer Jude die Entwicklungen und die Zuspitzung der Judenverfolgung in einem jüdischen Armenviertel miterlebte.
In „Earthlings“ kommt der Autor zu Wort, welcher in der Tierrechtsszene kein Unbekannter ist. „Wenn es um Tiere geht“, wird laut Bashevis „jeder zum Nazi. …. Für Tiere ist jeden Tag Treblinka.“. Für den Großteil des Publikums bedeuteten diese Art Aussagen wohl den endgültigen Startschuss zum allgemeinen Aufatmen. Wenn selbst ein Jude nicht Anstoß nimmt, sogar selbst diese Vergleiche als absolut angemessen empfindet, wird wohl etwas Wahres dran sein. Natürlich wäre die Anzahl derer, die für diese Zwecke geeignete Aussagen verbrochen haben deutlich länger, müsste man sich nicht schon im Vorhinein dem Vorwurf erwehren, antisemitische Inhalte zu vertreten und sich deshalb auf die vermeintlich abgesicherte Person beschränken.

Eine theoretische Betrachtung – Warum Schlachthöfe nichts mit Auschwitz gemein haben!
Die unsägliche Rede von „Tier-KZs“ und von „Holocaust auf dem Teller“ ist zum Großteil „bereits in der reduktionistischen Vorgehensweise angelegt, für den Vergleich [von Auschwitz und Tierschlachtung] ausschließlich die Phänomene des Holocaust und der Massenschlachtung von Tieren zu berücksichtigen, ihr Wesen jedoch außer Acht zu lassen.“ (Witt-Stahl). Denn wäre auch nur ansatzweise versucht worden, zu durchdringen was die Shoah -und damit Auschwitz als Sinnbild dessen – war, so wäre doch ziemlich umgehend die Unglaublichkeit dieser Gleichsetzung zu Tage getreten. So aber wurde die Vernichtung der Juden ihres Kontextes beraubt (der Antisemitismus, dessen eliminatorischer Anspruch in Auschwitz offen zu Tage trat, wird dabei ebenso geflissentlich ausgeblendet) und die Shoah wird als eine ethisch-moralische Problemstellung begriffen.

In den Juden zeigt sich für den Antisemiten die Gegenrasse, das negative Prinzip als solches innerhalb des Denkens in Kategorien von Rasse, Volk und Nation (vgl. Horkheimer 2001, 177). Aus dieser Konsequenz und mit den damit unmittelbar verbunden Zuschreibungen, die Juden und Jüdinnen gemacht werden, speist sich das Verlangen und das entsprechende Handeln des Antisemiten, denn „von ihrer [der Juden] Ausrottung soll das Glück der Welt abhängen“ (Horkheimer 2001, 177) 1. Auschwitz und die anderen Lager der Vernichtung waren Todesfabriken, deren Zweck darin bestand alle Juden und Jüdinnen, derer die Deutschen habhaft werden konnten, auszumerzen; und nicht nur ihre Körper, sondern ebenso ihre gesamte Kultur sollte total vernichtet werden; nichts mehr sollte an die Juden und ihre (ehemalige) Existenz erinnern.

Der Antisemitismus beruht auf (falscher) Projektion(en) (vgl. Horkheimer 2001, 196). Der Antisemit formt das Bild des Juden und im Bild des Juden was die Antisemiten „vor der Welt aufrichten, drücken sie ihr eigenes Wesen aus.“ (Horkheimer 2001, 177), ihre eigenen Gelüste, die sie nicht ausleben können und derer sie sich nicht gewahr werden wollen. „Den Juden mit dieser ihrer Schuld beladen, als Herrscher verhöhnt schlagen sie ans Kreuz, endlos das Opfer wiederholend, an dessen Kraft sie nicht glauben können.“ (Horkheimer 2001, 177).
Der Antisemit sieht in seinem Opfer – dem Juden – stets noch den Verfolger, „von dem er verzweifelt sich zur Notwehr treiben ließ, [denn selbst] die mächtigsten Reiche haben den schwächsten Nachbarn als unerträgliche Bedrohung empfunden, ehe sie über ihn herfielen“ (Horkheimer 2001, 196).
Die dem derzeitigen System der Vergesellschaftung – dem Kapitalismus – zugrunde liegende Struktur ist die Warenförmigkeit, die einzelne Ausdrucksform dessen die Ware (vgl. Marx 1966, 49); erst im Kapitalismus und durch sein ihm immanentes Prinzip des Tausches nimmt die Ware eine solch zentrale Stellung im Prozess der Vergesellschaftung ein. Das Wesen der Ware zeichnet sich u.a. dadurch aus, dass sie einen – ihr immanenten – Doppelcharakter besitzt; die einzelne Ware besitzt sowohl einen Tausch- als auch einen Gebrauchswert. Der Gebrauchswert bestimmt sich in und durch die Nützlichkeit eines Dinges: dies bedeutet ebenso, dass der Gebrauchswert sich eben nur im Gebrauch des Dinges oder in der Konsumtion dessen verwirklicht. Der Gebrauchswert tritt in stofflicher Form auf und bildet dadurch in der warenförmigen Vergesellschaftung den stofflichen Träger des Tauschwertes (vgl. Marx 1966, 50). Dieser wiederum ist eine gesellschaftliche Bestimmung, die aus der ökonomischen Form der Warenförmigkeit und damit verbunden dem Prozess des Tausches entsteht (und erst im Akt des Tausches konstituiert er sich) (vgl. Marx 1966, 53); dadurch ist er zwar einerseits allgegenwärtig, aber andererseits abstrakt und nicht greifbar (vgl. Grigat 2002, 5). Die Zuschreibungen, die der Antisemit den Juden und Jüdinnen macht, sind deckungsgleich mit den Charakteristika des Tauschwertes. Dieser Prozess erreicht seinen grausamen Kulminationspunkt in der Shoah. Moishe Postone schreibt diesbzgl.: „Eine kapitalistische Fabrik ist ein Ort, an dem Wert produziert wird, der ’unglücklicherweise’ die Form der Produktion von Gütern annehmen muß. Das Konkrete wird als notwendiger Träger des Abstrakten produziert. Die Vernichtungslager waren demgegenüber keine entsetzliche Version einer solchen Fabrik, sondern müssen eher als ihre groteske arische ‘antikapitalistische’ Negation gesehen werden. Auschwitz war eine Fabrik zur ‘Vernichtung des Werts’, das heißt zur Vernichtung der Personifizierung des Abstrakten. Sie hatte die Organisation eines teuflischen industriellen Prozesses mit dem Ziel, das Konkrete vom Abstrakten zu ‘befreien’. Der erste Schritt dazu war die Entmenschlichung, das heißt die ‘Maske’ der Menschlichkeit wegzureißen und die Juden als das zu zeigen, was ‘sie wirklich sind’, Schatten, Ziffern, Abstraktionen. Der zweite Schritt war dann, diese Abstraktheit auszurotten, sie in Rauch zu verwandeln, jedoch auch zu versuchen, die letzten Reste des konkreten gegenständlichen ‘Gebrauchswerts’ abzuschöpfen: Kleider, Gold, Haare, Seife. Auschwitz, nicht die ‘Machtergreifung’ 1933, war die wirkliche ‘Deutsche Revolution’ – die wirkliche Schein-‘Umwälzung’ der bestehenden Gesellschaftsformation. Diese Tat sollte die Welt vor der Tyrannei des Abstrakten bewahren.“ (Postone 2005, 193).
Tiere hingegen sind in der kapitalistischen Produktionsweise, in der sie als Ware gelten, nun mal gleichzeitig Gebrauchs- und Tauschwert und wie jede Ware damit dem Prinzip des Tausches unterworfen. Die Schlachthöfe sind somit keine Fabriken zur Vernichtung des Wertes, in ihnen findet keine Vernichtung der Personifizierung des Abstrakten statt; in den Schlachthöfen findet eine (Weiter-)verarbeitung von Gebrauchwert statt, mit der Absicht, dadurch später Tauschwert zu realisieren. Wie in jeder (kapitalistischen) Fabrik o.ä. kann der Kapitalist durch die zugesetzte menschliche Arbeitskraft einen Mehrwert, den er sich aneignet, erzielen. Der Schlachthof ist in dieser Hinsicht, in seiner ihm eigenen Verfasstheit somit einer (kapitalistischen) Fabrik vergleichbar und er ist eben nicht die „groteske arische ‘antikapitalistische’ Negation“ der Fabrik, wie Postone die KZs beschreibt, deren Ziel es, war das Konkrete vom Abstrakten – durch die Vernichtung der Personifizierung dessen – zu ‘befreien’ (vgl. Postone 2005, 193).

Diese Gleichsetzung (von Auschwitz und Schlachthof) impliziert ebenfalls die „Entschuldung“ der Deutschen und deren Projekt zur Vernichtung der Juden; denn wenn tagtäglich sich Auschwitz wiederholt und v.a. in dieser Logik Auschwitz ja tagtäglich, Jahrhunderte lang in den Schlachthöfen vorweggenommen wurde, wo liegt in dieser Logik dann noch die spezifische Schuld der Deutschen? Die Shoah wird somit nivelliert, sie wird zu einem alltäglichen Verbrechen.
Denn in dieser Denkweise ist dann letztendlich alles Holocaust, sei es der „Bomben-Holocaust“, wie nationalsozialistische Deutsche die Bombardierung Dresdens durch die Royal Airforce im Rahmen ihres antifaschistischen Kampfes gegen Deutschland nennen; sei es der „Baby-Holocaust“, wie christliche Deutsche Abtreibungen benennen; sei es der „atomare Holocaust“, den friedensbewegte Deutsche in den 1980ern Jahren als Sinn und Zweck der amerikanischen (oder – eher seltener – aber wahlweise auch der sowjetischen) Aufrüstung sahen. Im Vergleich wird der Holocaust ein Holocaust unter vielen, Auschwitz ein Ort des Schreckens unter vielen anderen (Schlachthöfe, Abtreibungskliniken, Raketensilos usw.) und somit auch Deutschland eine (gleiche) Nation unter vielen anderen. Das Spezifische der deutschen Vergangenheit – und damit die spezifisch deutsche Geschichte – wird somit aus der Geschichte, aus dem Erinnern getilgt und damit wird der nationalsozialistische Massenmord eingeordnet in ein Jahrhundert des Schreckens.

„Auschwitz liegt nicht am Strand von Malibu und auch nicht auf unseren Tellern. Es war eine deutsche Todesfabrik, die von deutschen Mörderbanden auf polnischem Boden errichtet worden war.“ (Witt-Stahl)

comité liberté, im Dezember 2007.

Grigat, Stephan 2002: „Zu Struktur und Logik des Antisemitismus. Eine Einführung.“ in: Gruppe Morgenthau und AK Kritische Theorie FH Frankfurt (Hg.): „Deutsche Projektionen – Zur Kritik antisemitischer Weltbilder.“, o. O., S. 5-9.

Horkheimer, Max; Adorno, Theodor W. 2001: „Dialektik der Aufklärung – Philosophische Fragmente“, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M..

Marx, Karl 1966: „Das Kapital – Erster Band“, Dietz Verlag, Berlin.

Postone, Moishe 2005: „Antisemitismus und Nationalsozialismus“ in ders.: „Deutschland, die Linke und der Holocaust – Politische Interventionen“, ca ira, Freiburg im Brsg., S. 165-194.

Witt-Stahl, Susann: http://tan.pflanzenmoerder.de/texte/petakritik.html

1. Für den Fleischkonsumenten hängt nicht das Glück der Welt davon ab, alle Tiere auszurotten, vielmehr ist das Gegenteil der Fall: für den Fleischkonsumenten wäre die Ausrottung aller Tiere das Unglück schlechthin, denn dies würde ja seinen Konsum verunmöglichen.

(http://comiteliberte.wordpress.com/2007/12/01/auschwitz-ist-uberall/)