Ein Flugblatt, Auflage 500 Stück, dass Ende Februar – Anfang März in der Innenstadt Köthens verteilt wurde. Außerdem eine öffentliche Stellungsnahme zu den Kontroversen in der Mitteldeutschen Zeitung und eine Absage für die Mitarbeit zum Aufbau Köthens.

Wie alles begann…
In den vergangenen Tagen wurde in der Mitteldeutschen Zeitung eine Kontroverse ins Rollen gebracht, in der sich mit der Behauptung „Köthen sei trostlos und monoton“ auseinandergesetzt wurde und wird. Anlass waren kritische Publikationen unsererseits und eine in Köthen stattfindende Demonstration, die Teil des „Aktionstags in und gegen Köthen“ war.
Die MZ fordert/e ihre Leser_innen dazu auf, Stellung zu beziehen.
Dass dabei keineswegs oder nur unzureichend die Thematiken angesprochen wurden, die wir als diskussionswürdig erachten, ist Grund für dieses Schreiben.

Besonderheiten der ostdeutschen Provinz
Wir bezeichnen die hier herrschenden Verhältnisse als rückschrittlich, denn die ostdeutschen Abbruchsgebiete sind der Ursprung von Lokalpatriotismus, von Stolz, Traditionsbewusstsein und von Blut und Ehre; besser gesagt sind sie die perfekte Brutstätte für Neonazikameradschaften, Menschenverachtung und dem dazugehörigen Alltagswahnsinn.

Die meisten Anwohner zeigen sich durch solche Worte empört, was beweist wie sehr sie sich mit etwas identifizieren, das im Grunde genommen auf Identitätslosigkeit schließt – der Heimat. Das Klammern an sie und alle lokalen Einzigartigkeiten ist der Versuch, Menschen an einen Ort zu binden, der in der kapitalistischen Konkurrenz schon verloren hat und/oder sich weiterhin behaupten möchte und muss. Immerhin verkündet auch der letzte ostdeutsche Modernisierungsverlierer stolz, aus welcher Ortschaft er stammt, ganz gleich in welcher schlechten sozialen Situation er sich befindet.

Die Menschen einen unterschiedlichste Widerlichkeiten, z.B.:
-das Bevorzugen von „Ostprodukten“,
-die Diffamierung des Westens als Repräsentanten eines „zügellosen Kapitalismus“,
-das permanente Gefühl hintergangen worden zu sein,
-das beständige Jammern nach „Jemanden“, der etwas durchsetzen und allein in die Hand nehmen kann,
-das Bedürfnis, Bestandteil einer traditionsreichen Gemeinschaft zu sein.

Diese Liste könnte ohne Frage weitergeführt werden, sie soll jedoch nicht zum Hauptinhalt der Publikation verkommen…

Fortschrittsfeindlichkeit beweist sich, wenn einer Studie zu Folge, 4 von 10 Sachsen-Anhaltiner/innen die DDR zurückfordern (*1). Schon die Ursprünge der deutschen Nationalbewegung in den 1820er Jahren waren antisemitisch motiviert. Anders als beispielsweise in Frankreich oder den USA wurde die Nation in Deutschland meist völkisch definiert, also über die gemeinsame Abstammung und eine angeblich rassische Verwandtschaft. Diese Vorstellung bildet bis heute die Grundlage für den Rassismus und Antisemitismus der Deutschen.

Die Relation zu Köthen
Köthen zeichnet sich durch Merkmale aus, die jeder Kritiker ablehnen sollte, weil sie letztendlich die menschenunwürdigen Wirtschaftsbedingungen der kapitalistischen Gesellschaft garantieren und, was ein weitaus größeres Problem darstellt, einen ersten Schritt in Richtung Barbarei bedeuten.

Hier werden asiatische Migrannten_innen selbstverständlich als „Fidschis“ bezeichnet oder die Wörter „schwul“ und „scheiße“ synonym verwendet. Jugendliche empfinden es als selbstverständlich das ein oder andere „Landser“-Lied auf dem Handy zu haben oder zumindest einige Texte ähnlicher Bands auswendig zu kennen.

Dabei findet so gut wie jeder Umgang und jede Handlung auf niedrigster intellektueller Ebene statt und wird auch deswegen kaum reflektiert.

Abseits von solchen „Normalbürgern“ und deren Verhalten versucht die Stadt vergeblich den Tourismus durch berühmte Persönlichkeiten, die einmal in Köthen gelebt und gewirkt haben sollen, aufrecht zu erhalten, um sich nach Außen als kulturreiche Stadt und attraktiver Standort zu geben.
Das vorprogrammierte Versagen der Verantwortlichen muss also im unaufhaltbaren wirtschaftlichen Verfall der Provinz gesucht werden.

Folge dessen sind fehlende Gelder, die dringend nötig wären, um der Akkumulations Willen weiterhin bestehen und als wirtschaftlicher Zusammenhang produzieren zu können.

Für die hier lebenden Menschen ist der Alltag also durch eine Trost- und Perspektivlosigkeit geprägt, die verzweifelt positiv besetzt werden soll, indem ein stressiger Arbeitsalltag als Notwendigkeit und ein verschlafen-lebloses Freizeitangebot als facettenreich bezeichnet wird.

Dass die benannte Trostlosigkeit zu gern in Asozialität mündet, kann man am Besten am bundesweit bekannten Exportschlager Köthens, der Familie Ritter, erkennen. Leider nur ein öffentlich gewordener Fall von vielen dieser Art.
Das krampfhafte Bemühen der „anständigen“ Bürger_innen, nämlich das reflexartige Denunzieren der Familie, rückt eine ernsthafte Kritik dieses Falles in das falsche Licht, weil dadurch ausschließlich versucht wird, das Ansehen des Kollektivs zu wahren.
,,Regionale Identität ist außerdem keine Liebeserklärung an die Gemeinschaft der Provinz, sondern viel mehr eine Kampfansage an alles Fremde; das hat nicht zuletzt die Geschichte bewiesen.“(*2) Hinter der Euphorie und Begeisterung für Gemeinschaftsarbeit und für das gemeinsame Anpacken stehen schon immer die Aggressionen gegenüber den Menschen, die nicht mitmachen wollen, sollen oder können.
Betroffene werden oft genug von pöbelnden und randalierenden Banden „aus dem Weg geräumt“. Stellvertretend dafür ist der Hass auf die Leute, die der Stadt den Rücken kehren, obwohl das eigene Bedürfnis nach Verzug sehr stark ist.

Warum es kein „besseres“ Köthen geben kann?
Weil ostdeutsche Provinz Gegenstand einer Kritik sein muss, die sich um ein besseres Ganzes bemüht. Das bedeutet für uns, dass sie im Fokus einer objektiven Analyse steht, aus denen Missstände erklärt und anschließend beseitigt werden.

Es geht nicht nur um saubere Parkanlagen, eine einladende Innenstadt oder ein vielfältiges Freizeitangebot, sondern um die Negierung kapitalistischer und deutscher Zustände. Denn es kann keine „bessere“ Stadt oder Gesellschaft geben, ohne den kapitalistischen Verwertungszwang abzuschaffen.
Wie es im Demonstrationsaufruf zum 09.01.2010 schon heißt, leben wir in einer kapitalistischen Gesellschaft, was bedeutet, dass der Kapitalismus nahezu alle Vorgänge innerhalb unseres Lebens regelt und bestimmt. Alle hergestellten Güter werden allein zum Verkauf und nicht für die Bedürfnisse der Menschen produziert, wodurch sie die Form einer Ware annehmen.
Ware wird auch die menschliche Arbeitskraft, denn wer innerhalb des Kapitalismus ein halbwegs erträgliches Leben führen möchte, muss seine Eigene tagtäglich verkaufen. Dieser Prozess ist Teil einer allumfassenden, abstrakten Herrschaft des Kapitals, welche von den Menschen als unumgänglich und damit als nicht überwindbar wahrgenommen wird. Die Produktionsweise dieses Systems analysieren nur Wenige, somit werden die erzeugten Denkmuster immer wieder neu reproduziert.

Wie soll nun eine antikapitalistische Theorie in die Praxis umgesetzt werden?

Wir wollen keine Machtübernahme durch eine gewalttätige Revolution, auch keine „Bonzenkarren“ anzünden und keine Scheiben einschmeißen. Verkürzte und/oder reaktionäre Kapitalismuskritik, wie sie z.B. Nazis oder Antiimperialisten üben, muss kritisch reflektiert werden können.
Die Freiheit, wie es bei Theodor W. Adorno und Max Horkheimer schon heißt, ist untrennbar vom aufklärenden Denken.
Deshalb denken wir, dass Aufklärung und Bildung die besten Wege aus den vorherrschenden Verhältnissen sind; denn nur wer ein Problem als dieses erkennt, kann sich an dessen Lösung versuchen.

Quellen:
(*1) http://www.welt.de/politik/article1209971/In_Sachsen_Anhalt_will_jeder_Vierte_die_DDR_zurueck.html
(*2) Jan Gerber: „Meine Kuh, meine Scholle, mein Block. Über den »Standortfaktor Heimatbindung«“ – Bahamas 55/2008