Wer ist dieser „Köthen“?

Vielleicht kennt der/die ein/e oder andere diesen Ort, immerhin eröffnete hier letztes Jahr ein Neonaziladen, dann bildete sich vor kurzem eine neue „Antifa-Gruppe“ und uns gibt es zu guter letzt ja auch noch. Von „kennen“ kann jedoch keine Rede sein, deswegen möchten wir im Rahmen des Arbeitskreises „Aktionstag in und gegen Köthen“ einen kleinen Einblick in den Alltag geben.
Das Erscheinungsbild der Stadt ist ähnlich denen der anderen Städte in der Region, d.h.: „schön“ aufgemachte Innenstadt; abseits des öffentlichen Geschehens abbruchsartige Gebäude und Straßen; trostlose Plattenbausiedlungen; ein oder zwei verfallene Spielplätze.
Zur Zeit werden einige Straßen und Plätze erneuert, was vielleicht bedeutet, dass die Stadt nicht mehr ganz so hässlich sein wird wie sie es momentan ist, regional gesehen vielleicht schöner als die restlichen Städte dieser Größenordnung. Für uns bleibt hässlich aber trotzdem hässlich, denn Köthen ist mehr als nur ein „hübscher“ Marktplatz und drei toll gemachte Straßen.

In Köthen zu leben bedeutet in Monotonie und Langeweile zu leben, denn, um es vereinfacht auszudrücken, hier gibt es einfach nichts, nichts was einen wirklich hält. Außer mensch ist in der Lage sich über drei Discotheken und Bars zu freuen, die dann doch nur durch ihre homophobe, sexistische, deutsche Klientel verseucht und damit unzumutbar geworden sind.
Wer sich hier nicht in solchen Kategorien wiederfindet, der hat eigentlich schon verloren, weil er/sie davon ausgehen kann sich bei jedem Partybesuch unfreiwilligen Ärger, der oft in Gewaltakten endet, einzuhandeln. Diesen kann mensch natürlich durch ein einfaches „stillschweigen“ vermeiden, dabei würden wir aber mehr oder weniger freiwillig unseren Anspruch auf ein besseres Leben vernachlässigen, wodurch dieses Verhalten hinfällig wird.
Auf der Suche nach einer Alternative steht mensch vor einem großen Nichts. Es ist Utopie an so etwas wie an einen „nazifreien“ Club, ein AJZ oder ähnliches zu glauben, wenn es nicht einmal genügend Menschen gibt die so etwas wirklich wollen. Prügeleien, verzweifeltes Zudröhnen und das wortwörtlich gemeinte „gammeln“ nennen sich hier Freizeitbeschäftigung. Ohne Leute die wenigstens ansatzweise das spüren wie mensch selbst und dem Drang nach Veränderung, wäre es hier nie im Leben auszuhalten. Das ist es so schon kaum.
Als Jugendlicher stehen einem keine Möglichkeiten offen, so erscheint das Wort „Perspektive“ schon fast zynisch wenn mensch es im Kontext zu diesem Dorf verwendet.

Weiterhin stellt es schlicht und einfach eine Zumutung dar, auf der Internetpräsenz Köthens dann Sätze zu lesen wie: „Darüber hinaus pflegen Einheimische und Gäste die Geselligkeit bei Veranstaltungen wie der Köthener Musikmeile, beim Kuhfest und dem Anhaltischen Oktobermarkt oder auch dem Weihnachtsmarkt.“ (1)
Die schönen Heimatfeste, wir lieben sie; genau wie die Leute die das ernsthaft machen.
Solche Sätze treiben uns in die Verzweiflung, muss mensch sich doch nur der Tatsache bewusst werden, was diese Feste wirklich sind: Deutschtümelei auf niedrigstem Niveau.
Wir feiern sicherlich keine Musikmeile mit beschissener Musik, die ohnehin so gut wie ausschließlich von Nazis besucht wird. Wir feiern auch kein „Kuhfest“, bei dem wir uns nicht einmal sicher sind warum es die Köthener überhaupt tun und wir werden auch keine Oktober- und Weihnachtsmärkte abfeiern die genauso besucht sind wie die Musikmeile.
Einmal im Jahr werden sogar alle Einwohner/innen aus ihrer Platte gelockt, denn der größte Karnevalsumzug der Region gibt sich in Köthen die Ehre. Einfach ein herrliches Gefühl mit kostenlosen Taschentüchern, veralteten Bonbons und „New Kids on the Block“-CD’s beschmissen zu werden.
Mit den örtlichen Big Brother-“Stars“, rumhampelnden Kindertanzgruppen und Bratwurstbuden feiert die Sadt sich selbst. Nazis und rechte Jugendliche klatschen nebenbei noch ein paar „Zecken“ und die nicht Betroffenen ertränken sich anschließend in Alkohol um den Tag zu ertragen; es herrscht ausgelassene Partystimmung. Das alles wird gekrönt durch ein spektakuläres „Ich bin Köthen“-T-Shirt.

Was braucht man sonst noch um hier glücklich zu sein?

Abgesehen von solchen ekligen Veranstaltungen gibt es einige wenige Menschen, die sich in einer alternativen Jugendkultur „daheim“ fühlen. Ein paar Leute positionieren sich noch gegen Neonazis, hören Punkrock oder sonstiges, aber im Endeffekt sind sie nicht viel besser als der deutsche Mob.
Antisemitische, homophobe oder sexistische Mindeststandards besitzt fast jede/r, so werden Beleidigungen oder Witze auf diesen Ebenen zum alltäglichen Wahnsinn und die Enttäuschung über diese Menschen ist schnell genauso groß wie die anfängliche Freude.

Wo wir grad bei Enttäuschungen sind: das „Netzwerk für Demokratie und Toleranz“.
Dieses hat es sich zur zentralen Aufgabe gemacht, antifaschistische Praxis auszuüben, wovon leider nur sehr wenig bis gar nichts wirklich vorhanden bzw. effektiv war. Man schaffte es zu einem eher peinlichem Aktionstag, der dann doch nicht mehr als ein kleines Demokratiefest in der Fachhochschule war.
Draussen standen ein paar Deutsche, die rumheulten weil sie nicht zum demokratischen Spektakel der Extraklasse durften und drinnen war man über das Auftauchen von selbigen aufgebracht.
In Vorbereitungstreffen, um gegen den bestehenden Naziladen vorzugehen, war die Stimmung so angeheizt, dass es im Kontext eines Abrisses eines DRK-Denkmals zu untragbaren Gleichsetzungen kam. „[…] das ähnelt einer Bücherverbrennung!“, waren die genauen Worte eines Teilnehmers, die den Meinungen der restlichen Mitglieder wohl auch nicht gerade widersprachen, denn antisemitische Stereotype dürfen in so einem Bündnis natürlich nicht fehlen; dort findet mensch solche Irren die meinen „[…] Israel führt und verursacht den Krieg […]“, wenn über die Geschehnisse im Gazastreifen debattiert wird.

Zu guter letzt haben wir auch noch diesen Hampelmann von der SPD, der Bürgermeister im „Puppentheater Köthen“ spielt. Öffentlich gibt er sich mutig und vollkommen entschlossen gegen die Neonazis vorzugehen, „[…] alle Kräfte zu bündeln“ und den ganzen Kram. In persönlichen Gesprächen aber, redet er von „ein paar Jugendlichen “ und davon dass es in Köthen keine Probleme dieser Art geben würde.
Lieber Herr Bürgermeister, in Köthen gibt es Probleme. Zwar viel zu viele um mit ihnen allein fertig zu werden, was unter anderem daran liegt, dass sie eines davon sind, aber Nazis als „Jugendliche“ abzutun entspricht einem fatalen Irrglauben.

Das einzig positive an Köthen sind die wenigen Leute die sich gegen diesen Alltag einsetzen und alles für ein besseres und schöneres Leben tun wollen, denn der Wunsch nach diesen Veränderungen ist in solchen Verhältnissen nachvollziehbar groß.
Also her damit!

Gruppe gegen deutsche Normalität (November 2009)